Tierische Spulwürmer – wie gefährlich sind sie für den Menschen?
Immer wieder werden Stuhlproben ins Labor 28 eingesandt mit dem Hinweis, dass die Katze oder der Hund der Patientin/des Patienten Spulwürmer hatte. Der Untersuchungsauftrag lautet dann „Stuhl auf Parasiten“ oder „Stuhl auf Wurmeier“ – was jedoch nicht sinnvoll ist, wie der folgende Text zeigt. Gleichzeitig wird deutlich, dass menschliche Infektionen mit diesen Erregern schwerwiegende Folgen haben können.
PROF. DR. MED. RALF IGNATIUS

Die Spulwürmer unserer Haustiere sind Fadenwürmer (Nematoden) und gehören zur Gattung Toxocara. Der Zyklus der US-amerikanischen CDC (Centers for Disease Control and Prevention – Abbildung 1) zeigt, dass die Erreger, und das gilt gleichermaßen für Hund und Katze, primär in diesen Wirten zirkulieren. Wie bei Ascaris lumbricoides, dem Spulwurm des Menschen, scheiden Toxocara-infizierte Haustiere die Wurmeier aus, an denen sich andere Katzen und Hunde (oder auch Füchse) infizieren. In diesen schlüpfen dann ca. 350 bis 400 µm lange Larven, die sich vor allem in jungen Tieren zu 4 bis 10 cm langen adulten Würmer entwickeln.

Abbildung 1: Lebenszyklus von Toxocara spp. bei Hund, Katze, paratenischen Wirten und Mensch. (Adaptiert nach Centers for Disease Control and Prevention (CDC), DPDx. https://www.cdc.gov/dpdx/toxocariasis/index.html)
Nach der Paarung der Würmer produzieren die Toxocara-Weibchen Eier, die wiederum mit dem Kot ausgeschieden werden. Anders als bei A. lumbricoides können Toxocara-infizierte trächtige Hunde die Larven auch vertikal übertragen; im Darm der Neugeborenen entwickeln sich dann die adulten Würmer. Deutlich seltener erfolgt bei Hund oder Katze eine Übertragung durch Muttermilch.
Werden die Eier von anderen Tieren geschluckt, schlüpfen auch in ihnen Larven, die jedoch nicht in der Lage sind, sich zum adulten Wurm weiterzuentwickeln. Wenn Hunde bzw. Katzen auf diese Weise infizierte Tiere fressen (sogenannte paratenische Wirte = „Stapelwirte“, d. h. Zwischenwirte, in denen sich die Erreger nicht weiterentwickeln, sondern nur ansammeln bzw. „stapeln“), gelangen die Larven auch auf diesem Weg in ihre Endwirte.
Nimmt nun der Mensch eines dieser Eier oral auf, geschieht in ihm dasselbe wie in den paratenischen Wirten (eine Infektion ist auch durch den Verzehr nicht ausreichend gegarten Fleisches eines paratenischen Wirtes möglich!). Auch im Menschen kann sich die Larve nicht zum adulten Wurm entwickeln (und insofern finden sich später auch keine Eier im Stuhl). Stattdessen wandert die Larve ungerichtet im menschlichen Körper (viszerale Larva migrans, im Gegensatz zur kutanen Larva migrans durch den Befall mit tierischen Hakenwurmlarven) und kann in verschiedenen Organen wie Leber und Lunge Entzündungsprozesse auslösen. Die Symptome sind meist unspezifisch (u. a. Appetitlosigkeit, abdominelle Beschwerden, Fieber). Gefürchtet ist vor allem der Befall des Auges (okuläre Larva migrans) oder des zentralen Nervensystems (ZNS). Die meisten Infektionen verlaufen jedoch asymptomatisch.
Diagnostisch lassen sich Antikörper im Serum nachweisen. Gleichzeitig besteht nicht selten eine ausgeprägte periphere Eosinophilie, und das Gesamt-IgE ist erhöht. Die Therapie erfolgt mit Albendazol, wobei beim Befall von ZNS oder Auge zusätzlich Kortikosteroide zur Hemmung der Entzündungsreaktion gegeben werden.
Wie groß ist nun das Risiko einer solchen Infektion? Die durchschnittliche Seroprävalenz in Europa beträgt 6,2 % (1), auch wenn Kreuzreaktionen bei serologischen Untersuchungen von Nematodeninfektionen nicht selten sind. Für Deutschland existieren nur Daten aus dem Großraum Stuttgart aus dem Jahr 1991, die jedoch eine ähnliche Seroprävalenz (4,8 %) zeigen (1). In Österreich (Stand: 2017) wurden dem Referenzzentrum jährlich etwa 70 Fälle von Toxocariasis gemeldet; unter Einbeziehung seroepidemiologischer Daten geht man dort von mehreren hundert Fällen pro Jahr aus (2).
In einer kürzlichen Studie aus Deutschland schieden 6 % der untersuchten jungen Hunde Toxocara-Eier aus (3). Aus diesem Grund sind Hunde auch auf Kinderspielplätzen in der Regel nicht erlaubt. Dennoch wurden 2011 in etwa 23 % der Sandproben von Spielplätzen in Hannover Toxocara-Eier nachgewiesen (4). Leider werden in Deutschland Hunde und Katzen seltener entwurmt als in veterinärmedizinischen Leitlinien empfohlen; Tierärzte sollten Haustierhalter vermehrt auf die Bedeutung dieser Behandlung hinweisen (5).
In diesem Zusammenhang sollte neben Toxocara spp. noch ein weiterer tierischer Spulwurm berücksichtigt werden. Die Endwirte des Waschbärspulwurms (Baylisascaris procyonis) sind Waschbären (selten auch Hunde), der Zyklus ähnelt demjenigen von Toxocara spp. und involviert ebenfalls verschiedene paratenische Wirte6. Da die Larven größer sind (ca. 1,8 mm) als Toxocara-Larven, können der entstehende Gewebeschaden im Menschen ausgeprägter und die damit einhergehenden klinischen Symptome dramatischer sein. Eine durch die Invasion des ZNS entstehende eosinophile Meningoenzephalitis verläuft nicht selten letal.
Obwohl offenbar auch in Deutschland viele Waschbären infiziert sind, sind bislang in Europa nur drei symptomatische Infektionen beim Menschen (je eine okuläre Infektion in Österreich und Deutschland sowie eine weitere, wahrscheinlich durch B. procyonis verursachte okuläre Infektion, ebenfalls in Deutschland) beschrieben (6), die jedoch zu bleibenden Augenschäden geführt haben. Man muss allerdings von einer deutlich größeren Anzahl asymptomatischer Infektionen ausgehen. Aufgrund der zunehmenden Verbreitung von Waschbären sollte auch an diese Infektion bei entsprechender Symptomatik differentialdiagnostisch gedacht werden.
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Literatur
- Strube C et al. 2020, Adv Parasitol 109:375–418
- Steirischer Seuchenplan 2016
- Murnick LC et al. 2023, Parasitol Res 122:585–596
- Kleine A et al. 2017, Parasites & Vectors 10:248
- Strube C et al. 2019, Parasites & Vectors 12:203
- Steinhoff A et al. 2025; Parasitol Res 124:157