Krim-Kongo-Hämorrhagisches Fieber – bald auch in Deutschland?
Schon der Name mutet seltsam an und macht neugierig: Krim-Kongo-Hämorrhagisches Fieber (engl. Crimean-Congo hemorrhagic fever — CCHF). Was verbindet diese beiden geographisch weit auseinanderliegenden Regionen, die aktuell leider oftmals mit gewalttätigen politischen Konflikten assoziiert werden, hinsichtlich einer Infektion?
PROF. DR. MED. RALF IGNATIUS

Dieses Rätsel löst ein Blick in die Geschichte (1). Das „Krim-Hämorrhagische Fieber“ wurde 1944/1945 erstmals beschrieben, als etwa 200 sowjetische Militärangehörige im Rahmen von Kriegshandlungen im Gebiet der Krimhalbinsel infiziert wurden. Tatsächlich ist die Krankheit jedoch wohl schon sehr viel älter. Bereits Berichte aus dem 12. Jahrhundert aus dem heutigen Tadschikistan von einer Erkrankung mit Blutungen, die von Arthropoden „verursacht“ wird, die normalerweise Amseln befallen, beziehen sich sehr wahrscheinlich auf CCHF.
Eine virale Genese der Infektion wurde erstmals vermutet, als bei psychiatrischen Patienten eine fieberhafte Erkrankung nach Übertragung eines filtrierbaren Agens aus dem Blut von CCHF-Patienten gesehen wurde. Ähnliche Symptome löste auch die Inokulation einer Lösung von Zeckennymphen in Freiwilligen aus und bestärkte so die Annahme von CCHF als eine durch Zecken übertragene virale Infektion. Der virologische Durchbruch gelang 1967, als das Virus in neugeborenen Mäusen vermehrt und isoliert werden konnte. Ähnliche Viren konnten anschließend von Infizierten aus anderen Gegenden der Erde mit ähnlichen Sym-ptomen isoliert werden und der Vergleich zeigte, dass es sich um das identische Agens handelte. Unter diesen Viren war auch das 1956 von einem Kind isolierte „Kongovirus“. Und aus „Krim-Hämorrhagisches Fieber-Kongovirus“ wurde schließlich „Krim-Kongo-Hämorrhagisches Fieber-Virus“ (engl. Crimean-Congo hemorrhagic fever virus — CCHFV). Der Erreger ist ein RNA-Virus und gehört zur Familie Nairoviridae.
Übertragen wird das CCHFV durch Zecken, vor allem vom Genus Hyalomma mit Hyalomma marginatum als häufigste infizierte Spezies. Hierbei handelt es sich um große, sehr bewegliche Zecken, die ihre Wirtstiere (und auch Menschen) aktiv verfolgen. Demzufolge kommt CCHFV im Verbreitungsgebiet seiner Überträger, großen Teilen Asiens, Afrika und auch in Europa vor. Neben dem Menschen kann der Erreger durch infizierte Zecken auch auf verschiedenste Wild- und Haustiere übertragen werden, die jedoch in der Regel nicht erkranken. Und schließlich besteht ein weiterer, wichtiger Übertragungsweg im Kontakt mit Blut oder Gewebe infizierter Tiere und vor allem von Mensch-zu-Mensch, auch nosokomial bei der Versorgung von CCHF-Patienten. Laborinfektionen sind ebenfalls möglich.
Die Inkubationszeit beträgt 1 bis 13 Tage und die ersten Symptome sind meist unspezifisch (Fieber, Kopfschmerzen, Unwohlsein etc.). Ein Teil der Infizierten entwickelt nach einigen Tagen zum Teil schwerste Hämorrhagien mit Zeichen äußerer und innerer Blutungen, die zum Tode führen können. Obwohl das CCHF häufig auch asymptomatisch verläuft, ist unter symptomatisch Infizierten die Letalität mit ca. 5 bis 30 % (bis 50 %) sehr hoch.
Die Labordiagnostik muss in Speziallaboratorien erfolgen. Daher ist die Angabe der Verdachtsdiagnose bei Überweisungen von Untersuchungsmaterial (z. B. Blut oder Urin) essenziell, so dass die Proben ungeöffnet an diese weitergeleitet werden können.
Eine kausale Therapie ist bislang nicht bekannt; neben einer unter Umständen sehr umfangreichen supportiven Therapie wird Ribavirin experimentell eingesetzt. Der Ständige Arbeitskreis der Kompetenz- und Behandlungszentren für Krankheiten durch hochpathogene Erreger (STAKOB) am RKI hat ausführliche „Hinweise zur Therapie von hämorrhagischem Krim-Kongo-Fieber“ veröffentlicht (2), die auch detaillierte Informationen zu den Symptomen der beiden Erkrankungsphasen („prähämorrhagische“ und „hämorrhagische Phase“), möglichen Differenzialdiagnosen sowie Anhaltspunkte für eine Exposition (Risikofaktoren, wie Aufenthalt, Zeckenbiss oder Kontakt zu Wild- oder Haustieren in einem Endemiegebiet, Kontakt zu Infizierten etc.) enthalten, aus denen sich ein Verdachtsfall ableiten ließe.
In Zentralspanien gibt es mittlerweile eine stabile Hyalomma-Population. Und nachdem dort 2010 zum ersten Mal CCHFV in einer Zecke nachgewiesen werden konnte, wurden zehn klinische Fälle im Zeitraum von 2013 bis 2021 registriert, von denen sieben Patienten die Infektion überlebten (3). Acht der Patienten berichteten von vorherigen Zeckenstichen. Von Bedeutung ist, dass sechs der Patienten die Infektionen im städtischen Raum akquirierten. Während in Frankreich, Italien und Rumänien zwar das CCHFV nachgewiesen wurde, jedoch bislang keine Infektion eines Menschen aufgetreten ist, gab es 2024 in Portugal eine tödlich verlaufene Infektion eines 80-jährigen Mannes (4). Autochthone Infektionen in Europa wurden bislang auch für Albanien, Armenien, Aserbaidschan, Bulgarien, Georgien, Griechenland, die Länder des früheren Jugoslawiens, Kasachstan, Moldawien, Russland, Ungarn, die Ukraine und die Türkei berichtet.
2009 gab es zwei nicht autochthone (!) Fälle von CCHF in Deutschland (5). Ein 61-jähriger Mann erkrankte an der türkischen Schwarzmeerküste an hohem Fieber; im Krankenhaus wurde eine Thrombozytopenie festgestellt und der Patient mit Bluttransfusionen behandelt, ohne dass eine Diagnose gestellt wurde. Der serologische Nachweis spezifischer Antikörper erfolgte erst nach seiner Rückkehr nach Deutschland; das Virus selbst ließ sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr nachweisen. Der tragische zweite Fall betraf einen 22-jährigen US-Soldaten, der im Rahmen seines Einsatzes in Afghanistan erkrankte und bereits auf dem Flug nach Deutschland beatmet werden musste. In Deutschland entwickelte der Patient ein hämorrhagisches Fieber und CCHFV wurde im Blut und Urin mittels PCR nachgewiesen. Kurz darauf verstarb der Patient an einer Hirnblutung. Beide Infektionen wurden außerhalb Deutschlands akquiriert, und Frau Prof. Ute Mackenstedt, der führenden Zeckenforscherin Deutschlands zufolge, wurde CCHFV bislang in keiner der ihr zugeschickten und wahrscheinlich von Vögeln nach Deutschland eingeschleppten Hyalomma-Zecken nachgewiesen. Durch den Klimawandel wird sich jedoch auch H. marginatum weiter nach Norden ausbreiten und unter Umständen dauerhaft in Deutschland etablieren, so dass der Erstnachweis in Deutschland wohl nur eine Frage der Zeit sein wird.
Aber was heißt „Erstnachweis in Deutschland“? Das Virus war bereits in Deutschland; bei Grabungen rund um die Heuneburg, einer frühkeltischen Siedlung aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., wurde CCHFV aus menschlichen Überresten in einem Keramikgefäß isoliert. Die Frage hinsichtlich einer autochthonen Infektion in Deutschland ist somit sehr wahrscheinlich nicht „ob“, sondern „wann“. Und bis dahin bitte nicht vergessen: Bereits der Verdacht auf ein virales hämorrhagisches Fieber ist meldepflichtig!
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Literatur
- Whitehouse CA. Crimean-Congo hemorrhagic fever. Antiviral Res. 2004 Dec;64(3):145–160.
- www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Biologische-Gefahren/STAKOB/Handlungshinweise/Therapiehinweise_CCHF.html
- Lorenzo Juanes HM, Carbonell C, Sendra BF, et al. Crimean-Congo Hemorrhagic Fever, Spain, 2013–2021. Emerg Infect Dis. 2023 Feb;29(2):252–259.
- Parvage MM, Baron JN, Semenza JC, et al. Emergence and spread of Hyalomma ticks and Crimean-Congo haemorrhagic fever in Europe: a systematic review. Parasit Vectors. 2025 Oct 28;18(1):436.
- www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2009/40_09.html